Friede auf Erden? Konfliktintensität nimmt weltweit zu

Es ist in jedem Jahr ein uneingelöstes Weihnachtsversprechen, nicht nur für die rund 30% der Weltbevölkerung christlichen Glaubens: dass Konflikte beigelegt werden und Friede einkehren möge. Weiterhin sind aber weltweit nicht nur Kriege, Bürgerkriege und politische Gewalt verbreitet. Gemessen an langfristigen Trends war die Zahl von Kriegs- und Anschlagsopfern zur Jahrhundertwende zwar auf historisch niedrigem Stand, aber in den letzten zehn Jahre ist eine Trendumkehr hin zu mehr politischer Gewalt zu verzeichnen. Bedeutsam ist zudem, dass im globalen Durchschnitt die gesellschaftlichen Spannungen auch unterhalb der Schwelle offener Gewalt in diesem Jahrzehnt kontinuierlich gestiegen sind. Hierauf wirft der BTI-Blog in dieser Woche ein besonderes Augenmerk: warum nimmt die Konfliktintensität zu, welche Faktoren treiben die zunehmende Polarisierung, welche Länder sind besonders betroffen?

Die Intensität sozialer, politischer, ethnischer und religiöser Konflikte hat in den letzten Jahren kontinuierlich und deutlich zugenommen. Im Mittel aller schon im BTI 2006 untersuchten 119 Staaten stieg die Konfliktintensität um 0,50 Punkte auf einer Zehnerskala, ein außergewöhnlich starker Anstieg für einen globalen Durchschnittswert. Dies bestätigt die europäische Wahrnehmung einer „Welt aus den Fugen“ angesichts einer immer gewalttätiger und konfliktträchtiger werdenden Nachbarschaft und bedarf deshalb einer Relativierung: Die Anzahl der Länder, in denen Krieg oder Bürgerkrieg herrscht (hohe Konfliktintensität: 8-10 Punkte), ist in den vergangenen Jahren nur leicht gestiegen. Neben Eskalationen der letzten Jahre wie in Libyen oder Syrien sind eben auch erfolgreiche Befriedungen wie in Côte d’Ivoire oder Liberia zu verzeichnen, die allerdings nicht im unmittelbaren Fokus von Europa liegen.

Es gibt nicht viel mehr Kriege als zu Beginn des Jahrhunderts. Doch in fast allen Weltregionen sind wachsende innergesellschaftlichen Spannungen und eine zunehmende Polarisierung für die Zunahme von Konfliktintensität verantwortlich, die die Vorstufe zu offenen Kampfhandlungen darstellen können. Ein solcher Anstieg war in diesem Jahrzehnt beispielsweise in Ägypten oder Mexiko zu beobachten, oder in den letzten Jahren in Brasilien, Mosambik und der Türkei. Wurden noch im BTI 2006 in rund 40 Prozent der Länder die gesellschaftlichen, ethnischen oder religiösen Spannungen auf einem sehr niedrigen Niveau eingestuft (niedrige Konfliktintensität: 1-3 Punkte), so sind es im BTI 2018 nur noch 26 Prozent. Dazwischen liegen mittlerweile 72 Staaten, in denen die innergesellschaftlichen Spaltungen deutlich ausgeprägter geworden sind, auch wenn sich das Ausmaß von manifester politischer Gewalt noch in Grenzen hält (mittlere Konfliktintensität: 4-7 Punkte).

Warum ist in den letzten Jahren die Konfliktintensität weltweit so stark angestiegen? Der BTI 2018 bietet drei Ansatzpunkte:

Erstens bieten immer mehr Regierungen keine Lösungen mehr für wachsende innergesellschaftliche Spannungen an. Der Protest gegen Willkür und Staatsversagen, gerade im Bereich der Antikorruptionspolitik, drückt sich in vielen Ländern in einer stärkeren Bezugnahme auf partikulare Identitätsgruppen aus. Dies mündet häufig in einer Mobilisierung entlang bestehender ethnischer, religiöser oder sozialer Konfliktlinien – die dann oft von Eliten als polarisierende Strategie der Machtsicherung instrumentalisiert wird. So erhöht die Verweigerung oder Unfähigkeit zu Dialog und Reformen die gesellschaftlichen Spannungen.

Zweitens sanken in einem Drittel aller untersuchten Länder die wirtschaftliche Leistungsbilanz und die makroökonomische Stabilität. Viele Eliten waren nicht in der Lage, auf weltwirtschaftliche Herausforderungen mit einer stabilisierenden und sozial inklusiven Wirtschaftspolitik zu reagieren, so dass in mittlerweile 72 Ländern das Ausmaß an Armut und insbesondere sozialer Ungleichheit massiv ist. War vor zehn Jahren in einem Drittel der Entwicklungs- und Transformationsländer noch ein mäßiges bis gutes Niveau der sozialen Inklusion gewährleistet, so fiel dieser Anteil auf nunmehr ein Viertel.

Drittens setzt sich der seit Jahren diagnostizierte Trend einer zunehmenden Beschneidung von politischen Freiheiten und rechtsstaatlichen Standards ungebrochen fort. War dies in den letzten Jahren primär auf stärkere Repression in Autokratien zurückzuführen, so sind es in den letzten zwei Jahren vor allem einige relativ weit fortgeschrittene Transformationsländer, deren Regierungen einen autoritären Einschlag an den Tag legen. Die mangelnde Responsivität der Regierungen vor dem Hintergrund sozialer Exklusion und fehlender wirtschaftlicher Perspektiven hat in vielen Staaten zu einer Vertrauenskrise in das etablierte politische System und dem Aufstieg populistischer Parteien geführt.

Steigende Konfliktintensität ist insofern nur selten alleine auf sich vermehrt gewaltsam entladende, bereits bestehende gesellschaftliche Spannungen zurückzuführen. In der Regel ist es unzureichendes Konfliktmanagement, und damit ein massives Versagen von Regierungen, deeskalierend und konsensbildend vorzugehen, das hinter der starken Zunahme von Polarisierung und politischer Gewalt steht. Dazu wird in den kommenden Tagen ein weiterer Blogartikel erscheinen, der sich den Ursachen von unzureichendem Konfliktmanagement widmet, die schlechtesten Performer und besonders betroffene Regionen benennt, aber auch gelungene Beispiele von Deeskalation, Versöhnung und Konsensbildung hervorhebt.

In Folge dieser Trends rangieren 46 aller 129 im BTI 2018 untersuchten Länder bezüglich der Intensität ihrer innergesellschaftlichen Konflikte zwischen 6 und 10 Punkten auf einer Zehnerskala, von starker Polarisierung mit vereinzelten Gewaltausbrüchen wie in Indonesien oder Kolumbien bis hin zu massiver und verbreiteter Gewalt wie im Jemen oder in Libyen. In einem Drittel aller Entwicklungs- und Transformationsländer, mit einem ausgeprägten Schwerpunkt in Afrika, lebt die Bevölkerung damit in einem gewaltgeprägten Klima – wahrlich kein Friede auf Erden.

Lesen Sie weiter: Friede auf Erden? Weltweit sinkt die Qualität des Konfliktmanagements



Kommentar verfassen