©
© Susanne Schultz

Neue Wege aus Westafrika zu Ausbildung und Arbeit

Im Rahmen des Global-Skills-Partnership-Projekts kooperiert die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) mit den Bauverbänden NRW e. V. Ziel ist es, im Sinne eines „Triple Win“, für alle Beteiligten faire, legale und fachlich tragfähige Migrationswege aus Ghana und Senegal in das deutsche Baugewerbe zu identifizieren, zu erproben und langfristig zu institutionalisieren.

„Pünktlichkeit ist typisch deutsch“, sagt ein Schüler in der Deutschstunde des Goethe-Instituts in Accra. Auch Jahreszeiten und Bier werden als typische Bilder genannt. Für die Teilnehmenden des Projekts „Global Skills Partnership between Senegal/Ghana and Germany“ sind solche Eindrücke mehr als Anekdoten: Sie gehören zur Vorbereitung auf ein Land, in dem sie möglicherweise im Sommer 2026 eine Ausbildung im Baugewerbe beginnen. Das Projekt verbindet Sprachlernen, fachliche Qualifizierung, interkulturelle Orientierung und Migrationsberatung. So wird Fachkräftemigration nicht erst als Anwerbung, sondern als Bildungs- und Strukturaufgabe verstanden.

Fachkräftebedarf und Partnerschaft

Der Hintergrund ist ebenso struktureller Natur. In Deutschland wachsen die Fachkräftebedarfe in vielen Branchen, auch im Baugewerbe. Der verstärkt diese Entwicklung: Viele Beschäftigte erreichen das Rentenalter, während weniger junge Menschen in Ausbildung nachrücken. Die Bertelsmann Stiftung ordnet transnationale Ausbildungspartnerschaften deshalb als Ansatz ein, der Migration, Bildung und Arbeitsmarktpolitik verbindet. Herkunftsländer, Zielländer und migrierende Personen sollen gleichermaßen profitieren. Diese „Triple-Win“-Perspektive grenzt sich von kurzfristiger Rekrutierung ab und soll Risiken wie Brain-Drain verringern.

Gerade im Bausektor ist diese Perspektive bedeutsam. Bauunternehmen benötigen nicht nur zusätzliche Arbeitskräfte, sondern verlässlich ausgebildete Fachkräfte, die auf Baustellen und in Teams sicher handeln können. Berufsbildung umfasst Arbeitsschutz, Materialkunde, Maschinen- und Werkzeugnutzung, technische Kommunikation und Qualitätssicherung. Fachliche Standards, Sprachkompetenz und betriebliche Integration müssen daher zusammengedacht werden. Der Blogbeitrag verfolgt die Perspektive des Triple Win um zu beleuchten, welche Vorteile sich aus dem Projektansatz für die Herkunftsländer, die migrierenden Personen, als auch die Zielländer ergeben.

Brücke zur Baupraxis

Die Bauverbände NRW e. V. sind im Projekt vor allem als fachlicher Praxispartner eingebunden. Sie bringen Erfahrungen aus dem sogenannten Poolansatz ein, ordnen Anforderungen der dualen Bauausbildung ein und unterstützen den Kontakt zu interessierten Betrieben. Ihre Rolle liegt damit weniger in der Projektsteuerung als in der Übersetzung zwischen Projektstrukturen und betrieblicher Praxis: Welche Voraussetzungen brauchen Unternehmen, um internationale Auszubildende aufzunehmen? Welche Unterstützung ist vor, während und nach der Einreise erforderlich?

Befunde der explorativen Studie

Eine explorative Studie der Bertelsmann Stiftung zu NRW und Ghana zeigt, dass es im Baugewerbe grundsätzlich Offenheit für eine strukturierte Ausbildungspartnerschaft gibt. In der qualitativen Untersuchung berichteten alle 13 befragten Unternehmen von Bedarfen an Fachkräften oder Auszubildenden; zentrale Gründe sind eine alternde Belegschaft und zu wenige geeignete Bewerbungen. Zugleich wurde deutlich, dass viele Unternehmen junge Menschen lieber selbst ausbilden möchten, statt ausschließlich bereits ausgebildete Fachkräfte zu rekrutieren. Die Studie macht damit vor allem zweierlei sichtbar: Der Bedarf ist vorhanden, und eine Partnerschaft kann nur funktionieren, wenn Vorbereitung, Auswahl, Sprache und betriebliche Begleitung verlässlich organisiert sind.

Ghana als Partnerland

Dass Ghana als Partnerland in den Blick kommt, knüpft an frühere Arbeiten der Bertelsmann Stiftung an. Im Länderporträt „Ghana – Lebendige Zivilgesellschaft“ zum Reinhard Mohn Preis 2013 wurde Ghana als Land beschrieben, das seit den demokratischen Wahlen 1992 stabile Institutionen, eine aktive Zivilgesellschaft und Ansätze nachhaltiger Entwicklung aufgebaut hat. Zugleich verweist das Porträt auf Grenzen: schwache Infrastruktur, regionale Armut, Korruption, illegale Goldgewinnung und begrenzte Umsetzungskapazitäten. Für das GSP-Projekt ist diese Doppelperspektive wichtig. Ghana wird nicht idealisiert, sondern als Partner mit Stärken, Herausforderungen und eigenen Entwicklungszielen verstanden. Deshalb braucht die Ausbildungspartnerschaft lokale Verankerung und Nutzen auch für den ghanaischen Arbeitsmarkt.

mit Liberia, Sierra Leone, Gambia und dem Senegal ist Ghana eins der fünf Länder in der Region West- und Zentralafrika, welche der Transformationsindex BTI 2026 als ‚Demokratie‘ einstuft. Der friedliche politische Machttransfer nach den Wahlen 2024 unterstreicht Ghanas außergewöhnliche politische Stabilität und demokratische Resilienz in einer Region, die zunehmend repressiver und autokratischer wird.

Langfristiger Fortschritt wird in Ghana jedoch auch durch ein angespanntes Haushaltsumfeld und zahlreiche Entwicklungsbedürfnisse geprägt. Eine der vielen Prioritäten der Regierung bleibt daher die Verbesserung sowohl des Zugangs zur als auch ihrer Qualität. Auch wenn sich das Bildungssystem bezogen auf sekundäre und universitäre Bildung stetig verbessert hat, ist speziell die Berufsausbildung weiterhin stark von Informalität und ungeschultem Ausbildungspersonal geprägt.

In jüngster Zeit haben die Regierung und die Geber der praktischen Ausbildung Priorität eingeräumt und Reformen im System der technischen und beruflichen Bildung (TVET) umgesetzt, das verschiedene Zertifikatsprogramme mit einer Dauer von einem bis vier Jahren anbietet. Durch die Abschaffung der Studiengebühren im Rahmen der Initiative „Free TVET for all“ stieg die Zahl der Einschreibungen in TVET-Programme bis 2023 deutlich auf etwa 150.000 Studierende an.

Zwei Bausteine: Ausbildung und Qualifizierung

Der erste Weg ist die Ausbildungsmigration mit Vorbereitung im Herkunftsland. Junge Menschen aus Ghana und Senegal absolvieren intensive Sprachkurse mit dem Ziel, B1 zu erreichen. Nach erfolgreicher Sprachprüfung erfolgt das Matching mit interessierten Betrieben. In Deutschland nehmen sie eine reguläre duale Ausbildung im Baugewerbe auf. Nach bestandener Abschlussprüfung können sie als Facharbeiterinnen und Facharbeiter tätig werden. Dieser Weg ist anspruchsvoll, weil Sprache, Visum, Ausbildungsplatz, Wohnsituation und betriebliche Begleitung gut aufeinander abgestimmt sein müssen.

Der zweite Baustein sind technische Trainings in Ghana und Senegal. Sie bereiten entweder auf einen späteren Ausbildungsstart in Deutschland vor oder stärken die Qualifizierung von Personen, die in ihrem Heimatland arbeiten möchten. Im Hybrid-Modell, das im Senegal bereits etabliert ist und in Ghana vorbereitet wird, werden Inhalte an internationale Standards angepasst und durch die Auslandshandelskammer zertifiziert. Dadurch entstehen nicht nur Migrationsoptionen, sondern auch Qualifikationen, die für lokale Arbeitsmärkte relevant sind.

Strukturaufbau

Ein wesentlicher Unterschied zu klassischer Fachkräfteanwerbung liegt im Strukturaufbau in den Partnerländern. In Ghana und Senegal werden Curricula modernisiert, Ausbilderinnen und Ausbilder qualifiziert und Ausbildungszentren technisch ausgestattet. Damit wird nicht nur für eine mögliche Migration vorbereitet, sondern auch die Berufsbildung vor Ort gestärkt. Aus entwicklungspolitischer Sicht ist das zentral: Eine Partnerschaft ist nur dann ausgewogen, wenn sie nicht einseitig Kapazitäten abzieht, sondern Qualifikation schafft, Standards verbessert und Beschäftigungsmöglichkeiten in den Herkunftsländern erweitert.

Gleichzeitig bleibt die Umsetzung herausfordernd. Sprachkurse, Prüfungen und Visaformalitäten sind hohe Eingangshürden. Zumal der Weg in den Beruf oft schon an dem Zugang zur Bildung im Herkunftsland scheitert. Im Senegal gibt es beispielsweise bedeutende Unterschiede im Verhältnis zwischen Jungen und Mädchen in den Durchschnittsjahren an formeller Bildung. Dies hängt oft mit vorzeitiger Heirat junger Frauen oder dem frühen Eintritt in die informelle Wirtschaft zusammen. Beides kann zu einem frühen Abbruch der Schulausbildung führen.

Auf deutscher Seite kommt die Vermittlung an Betriebe hinzu. Gerade kleine und mittlere Unternehmen reagieren in wirtschaftlich unsicheren Zeiten vorsichtig, weil internationale Ausbildung zusätzliche Organisation erfordert. Für viele Betriebe ist Westafrika zudem wenig vertraut. Deshalb braucht es Beratung und Beispiele guter Praxis. Der Fachkräftebedarf im Baugewerbe ist kein kurzfristiges Konjunkturthema, sondern ein langfristiges Strukturproblem.

Die bisherigen Erfahrungen zeigen Interesse auf vielen Ebenen: bei Ministerien, Ausbildungsinstitutionen, AHK, EU-Delegation, deutschen Projektpartnern und einzelnen Unternehmen. Dort, wo bereits Menschen aus Ghana in deutschen Betrieben arbeiten, sind alle hochzufrieden. Ob daraus ein dauerhaftes Modell entsteht, hängt von der Qualität der Umsetzung ab sowie den Möglichkeiten für eine nachhaltige Verankerung. Entscheidend sind transparente Auswahlverfahren, realistische Erwartungen, kontinuierliche Begleitung und eine faire Verteilung von Kosten und Nutzen. Transnationale Ausbildungspartnerschaften leisten nur dann einen Beitrag, wenn sie als langfristige Bildungs- und Arbeitsmarktkooperation verstanden werden.

Ausblick

Für das Baugewerbe in Nordrhein-Westfalen liegt darin eine Chance. Es kann zusätzliche Ausbildungswege erschließen und internationale Erfahrung in die Betriebe bringen. Für Teilnehmende aus Ghana und Senegal entstehen berufliche Perspektiven in Deutschland oder in ihren Heimatländern. Maßstab ist daher nicht allein die Zahl vermittelter Auszubildender. Entscheidend ist, ob Strukturen entstehen, die über einzelne Kohorten hinaustragen und faire, transparente Migration im Bauwesen ermöglichen.

Das Projekt trägt damit tatsächlich im Sinne eines „Triple Win“ zu Perspektiven und Vorteilen für alle Beteiligten bei, die Herkunfts-, die Zielländer und die beteiligten Personen. Zugleich bleibt der Prozess ein sehr herausfordernder, der nur über einen ausreichenden Zeithorizont, vertrauensvoll gewachsene Partnerschaften und die notwendigen institutionellen Rahmenbedingungen gelingen kann. Die bestehenden Unterschiede in den Aus-/Bildungssystemen und damit die Wege aus den beiden westafrikanischen Staaten sind aktuell noch weit, doch können nach und nach beschritten werden. Solche Projekte sind zudem ein wichtiger Schritt hin zu breiteren Korridoren fairer Arbeitsmigration und -integration.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert