Erosion der Demokratie – Explosion der Gewalt
2025 erreichte die Zahl bewaffneter Konflikte einen historischen Höchststand. Gleichzeitig befindet sich die Demokratie weltweit unter Druck. Gibt es also einen Zusammenhang zwischen der Erosion der Demokratie und der Explosion politischer Gewalt?
Der Befund ist eindeutig: 2025 erlebte weltweit mit 65 die höchste Zahl bewaffneter Konflikte, an denen Staaten beteiligt waren, seit dem Zweiten Weltkrieg. Seit 2010 hat sich die Zahl dieser Konflikte, nahezu verdoppelt, und die Zahl der Todesopfer aller bewaffneten Konflikte hat sich mit 245.000 verfünffacht, so die aktuellen Angaben des repräsentativen Conflict Data Program der schwedischen Universität Uppsala (UCDP). UCDP sammelt Daten zu verschiedenen Kategorien bewaffneter Konflikte ab einer Schwelle von 25 Toten pro Jahr.

Zahl der bewaffneten Konflikte mit staatlicher Beteiligung, 1946–2025. Siri Aas Rustad, Conflict trends: A global overview, 1946–2025, PRIO PAPER 2026, S. 12
Die prominente Nichtregierungsorganisation ACLED (Armed Conflict Location & Event Data) bekräftigt diesen Befund und registriert mehr als 200.000 “violent conflict events” mit — nach konservativen Schätzungen — mehr als 240.000 Todesopfern. Dabei werden anders als beim UCDP „violent conflict events“ unabhängig von Opferzahlen erfasst. 2025 waren schätzungsweise 831 Millionen Menschen, 16% der Weltbevölkerung, von bewaffneten Konflikten betroffen. Das sind Menschen, die – je nach Schweregrad – in einem Radius von 1,2 oder 5 km von Ereignissen wie Gefechten, Explosionen, ferngesteuerter Gewalt oder Gewalt gegen Zivilpersonen leben.
Sprunghaft steigende Rüstungsausgaben
Doch nicht allein die bewaffneten Konflikte haben signifikant zugenommen. Auch die Rüstungsausgaben verzeichneten 2025 eine seit dem Ende des Kalten Kriegs am Beginn der 1990er Jahre unerreichte Höhe, in Europa wie auch global. Nach Angaben des Stockholmer Internationalen Friedensforschungsinstituts SIPRI haben die globalen Militärausgaben 2025 ein Rekordhoch von 2.887 Milliarden US-Dollar erreicht – mit insgesamt 41% der elfte jährliche Zuwachs in Folge. Der europäische Anteil an den Militärausgaben wuchs 2025, ausgelöst durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine, mit 14% am stärksten und belief sich auf 864 Milliarden US-Dollar – der stärkste Anstieg seit dem Ende des Kalten Kriegs.

Regionale Rüstungsausgaben, 1988-2025. SIPRI Military Expenditure Database, Apr. 2026.
Erosion der Demokratie…
Ein anderer Befund ist ebenso eindeutig: Die Ergebnisse des Bertelsmann Transformation Index (BTI) 2026 dokumentieren eine globale Erosion demokratischer, rechtsstaatlicher und auch marktwirtschaftlicher Standards, die seit 20 Jahren anhält. In der Folge hat sich das globale Verhältnis von Demokratien und Autokratien umgekehrt: Waren im BTI 2006 noch 55% aller untersuchten Staaten Demokratien, so werden heute 56% autokratisch regiert (77 Staaten). Mit 52 sind zwei Drittel dieser Autokratien hochgradig repressive Diktaturen oder zerfallende Staaten, in denen Grundrechte systematisch verletzt werden. Der Anteil dieser harten Autokratien erreichte mit 38% aller untersuchten Staaten das höchste Niveau seit Begründung des BTI 2006. Parallel dazu wurde die Rechtsstaatlichkeit kontinuierlich und tiefgreifend ausgehöhlt. Zwei Drittel der seit 2006 untersuchten Länder sind heute weniger demokratisch als vor 20 Jahren.

Bertelsmann Transformation Index 2026
…und sinkende Friedfertigkeit
Dieser doppelt negative Befund spiegelt sich auch im Global Peace Index (GPI) des Institute for Economics and Peace (IEP) in Sydney wider, der 2007 ins Leben gerufen wurde und in seinem jährlichen Index die Friedfertigkeit von mittlerweile 162 Ländern bewertet. Dabei misst der GPI den Grad der Friedfertigkeit eines Landes anhand von 23 Indikatoren in den drei Bereichen innere und äußere Konfliktneigung, soziale, innere und äußere Sicherheit sowie Grad der Militarisierung. Er resümierte 2025: „Global peace is at its lowest level since the inception of the Index, while the conditions that precede conflict are the worst since WWII. Global peacefulness has deteriorated every year since 2014, with 100 countries deteriorating over the last decade.”

GPI Friedfertigkeits-Trend. Global Peace Index
Demokratischer Frieden
Es bestehen also offensichtlich Zusammenhänge zwischen dem globalen Niedergang der Demokratie und der Zunahme kriegerischer Konflikte auf der Welt. Das bekräftigt der Global Peace Index: Der GPI weist seit 2008 West- und Mitteleuropa als die friedlichste Region der Welt aus, mit dem konstanten Spitzenreiter Island, 2025 gefolgt von Irland, Österreich, der Schweiz, Portugal, Dänemark, Slowenien und Finnland sowie außerhalb Europas Neuseeland – durchgehend kleinere und stabile Demokratien. Dieser Befund hat seinen Niederschlag in der Theorie des Demokratischen Friedens gefunden, wonach Demokratien untereinander keine Kriege führen und generell weniger zur Gewaltanwendung neigen. Begründet wird dies mit der normativen Disposition, innenpolitische und in der Folge auch außenpolitische Konflikte durch Dialog und Kompromisse zu lösen, mit den institutionellen Checks and Balances in Demokratien sowie den utilitaristischen Kosten-Nutzen-Kalkülen der für politische Entscheidungen maßgeblichen Staatsbürger, für die Kriege teuer, risikoreich und daher im Regelfall unpopulär sind.
Demokratischer Unfrieden
Allerdings ist die Theorie des Demokratischen Frieden trotz beeindruckender empirischer Evidenz nicht unumstritten. Zum einen hat sich in einigen Fällen gezeigt, dass Demokratien zwar untereinander dem Friedensgebot folgen, gegenüber Autokratien aber durchaus zu Aggressivität und Gewalt neigen können. Der Krieg der USA gegen den Irak 2003 ist ein klassisches Beispiel. Das Peace Research Institute Frankfurt (PRIF) hat dies in seiner Forschung über die Antinomien des Demokratischen Friedens als dessen „dunkle Seite“ charakterisiert. Dabei handelt es sich in erster Linie um ein Problem der Weltordnung, ihres anarchischen Charakters und des fehlenden Gewaltmonopols.
Die zweite Qualifizierung betrifft den Befund, dass Prozesse der Demokratisierung in der Vergangenheit immer wieder mit gewaltförmigen Auseinandersetzungen bis hin zu Bürgerkriegen einher gegangen sind. Untersuchungen des Peace Research Institute Oslo (PRIO) haben das Risiko solcher Gewaltausbrüche genau in der Mitte zwischen stabilen Demokratien und stabilen Autokratien lokalisiert. Das Argument: Demokratisierungsprozesse führen zu einer Art hybrider Systeme mit schwachen Institutionen und starker Mobilisierung und damit zu einer „politischen Inkohärenz“, die zu Gewalt einlädt. Das hat in der Vergangenheit Probleme für die Demokratieförderung aufgeworfen.
Nun haben wir es aktuell – wie gezeigt – weniger mit Demokratisierung als mit Autokratisierung zu tun, die indes ebenfalls Widerstand mobilisiert und so zur politischen Destabilisierung beiträgt – bis hin zum Staatszerfall. Solche gescheiterten Staaten verfügen über kein akzeptiertes Gewaltmonopol. Der BTI 2026 hat wie in den meisten Vorjahren die DR Kongo, Haiti, Libyen, Myanmar, Somalia, Sudan und Süd-Sudan sowie Syrien und Jemen als gescheiterte Staaten identifiziert. Es ist daher kein Zufall, dass sich in diesen Ländern seit 20 Jahren die innere Gewalt in ihren unterschiedlichen Manifestationen vom offenen Bürgerkrieg bis hin zu immer wieder aufflammender „communal violence“ konzentriert. Diese Gewalt bildet gleichsam als „forever wars“ einen stabilen Sockel, in dem sich Gewaltunternehmer kontinuierlich reproduzieren.
Ein Beispiel sind die Operationen der paramilitärischen Rapid Support Forces aus dem sudanesischen Darfur, auf deren Konto 2025 mehr als 4.000 getötete Zivilisten gehen, 11% aller global erfassten Opfer solcher irregulären Verbände. Ein anderes Beispiel sind neben den lateinamerikanischen Drogenkartellen die kriminellen Gangs der Viv Ansanm, die die Kontrolle über wachsende Teile Haitis beanspruchen. Hinzu kommen fortgesetzte Aktivitäten islamistischer Gruppen, die in unterschiedlichen Erscheinungsformen vom Islamischen Staat und al-Qaeda bis zu Tehreek-i-Taliban Pakistan vom Nahen Osten über den Sahel in immer neue Regionen vordringen.
Auch wenn es sich hier überwiegend um langanhaltende Gewaltkonflikte unterschiedlicher Intensität handelt, so ist auch hier nach Angaben von UCDP und ACLED in den letzten Jahren eine signifikante Zunahme zu verzeichnen. Zugenommen hat aber auch die Intervention externer Mächte in solchen Konflikten und damit deren Internationalisierung.
Autokratischer Krieg
Nachdem mit dem Ende des Kalten Kriegs klassische Staatenkriege auf dem Rückzug waren und als Rückfall einer vergangenen Epoche erschienen, hat sich dieser Trend in den letzten Jahren umgekehrt. Staaten- wie auch Bürgerkriege mit staatlicher Beteiligung haben in den letzten Jahren nach Angaben des PRIO einen Anstieg auf mehr als 50 und 2024 mit 65 einen Höchststand erreicht: „The only other period since 1946 with a comparable level of conflict was the early 1990s.” Beides vollzieht sich im Gleichklang mit der Ausbreitung autokratischer Regime. Es sind denn auch überwiegend Autokratien, die in den insgesamt sechs Staatenkriegen engagiert sind, die 2025 ausgetragen wurden:
- Pakistan und Afghanistan, die einen schwelenden und immer wieder militärisch massiv eskalierenden Grenzkonflikt austragen,
- Pakistan und Indien, die im Mai 2025 nach Anschlägen in Kaschmir einen kurzen, aber schnell eskalierten Krieg führten,
- Ruanda und DR Kongo, die seit 2022 trotz einiger Waffenstillstandsvereinbarungen fortdauernd Krieg gegeneinander führen,
- Thailand und Kambodscha, zwischen denen im Juli 2025 ein Grenzkrieg aufgeflammt ist, der seither als Low-Intensity-Krieg fortgeführt wird,
- Russlands Krieg gegen die Ukraine, der zwischen 2014 und 2022 verdeckt und seither offen geführt wird,
- und schließlich der Krieg Israels und der USA gegen Iran im Juni 2025 sowie erneut seit Februar 2026.
UCDP ergänzt diese Liste um die Kriege zwischen Israel, den USA und dem Vereinigten Königreich gegen Jemen sowie Israels Invasion in Syrien (nicht jedoch im Libanon), so dass sich die höchste Zahl zwischenstaatlicher Kriege seit 1945 ergibt.
Nun sind die USA und Israel im Unterschied zu Iran zwar keine Autokratien, allerdings sind bei ihnen unter Trump und Netanjahu die Checks und Balances – und damit eine zentrale Bedingung des Demokratischen Friedens – so stark kompromittiert, dass es aktuell keine funktionierende Kontrolle der Exekutive mehr gibt.
Diese Kriege demonstrieren, dass mit der Ausbreitung der Autokratien die liberale Weltordnung und ihr Gewaltverbot immer weniger Beachtung finden. Machtdemonstrationen, Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht und nackter Imperialismus sind deren Markenzeichen – nach innen wie nach außen.
Die Dramatik dieser Entwicklung wird daran sichtbar, dass auf das Konto solcher Staatenkriege die größten materiellen Schäden und die meisten Opfer gehen. Nach Angaben von PRIO stellen daher die letzten vier Jahre mit etwa 740.000 Opfern die gewaltträchtigste Periode seit dem Kalten Krieg dar. Dabei ragt Europa mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine besonders hervor. Er hat auf Seiten der Ukraine zwischen 2022 und 2026 allein bei den Streitkräften zwischen 55.000 (so die offiziellen ukrainischen Angaben, zusätzlich zu mindestens 16.000 zivilen Opfern) und 140.000 (so die Angaben des Washingtoner Center for Strategic and International Studies) Opfer gefordert, auf russischer Seite neben 1.000 zivilen Opfern bis zu 352.000 tote Soldaten, so die Nachrichtenagentur Meduza. Es ist ein Abnützungskrieg, den ohne Rücksicht auf Verluste eine Autokratie gegen die Selbstbestimmung einer Demokratie führt.
Russland ist damit ein nachgerade klassisches Beispiel für einen autokratisch begründeten Imperialismus. Russland dokumentiert aber auch, wie der Krieg den autokratischen Charakter des Regimes verstärkt. Das weckt Erinnerungen an einen ähnlich gelagerten Krieg: Es war das Ableben Josef Stalins im März 1953, das den bis dahin erfolglosen Verhandlungen im Juli 1953 zum Durchbruch verhalf.