Mit freien Wahlen und Bürgerrechten zum WM-Titel

Erstmals seit dem Ende des Kalten Krieges richtet eine Autokratie wieder eine Fußball-Weltmeisterschaft aus. Für uns Grund genug, die Werte von Teilhabe, Mitsprache und Fairplay nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz einzufordern. Denn Fußball und Demokratie haben viel mehr miteinander zu tun, als es auf dem ersten Blick scheint.

Am 14. Juni beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland. Einige Fußballfans stellen sich die Frage, wie sie mit den negativen politischen Begleiterscheinungen der WM umgehen sollen. Trägt das Fußballfest in Russland nicht zur Legitimierung einer Autokratie bei? Ist es moralisch vertretbar, Begegnungen wie Saudi-Arabien gegen Ägypten aufs Sportliche zu reduzieren und die Menschenrechtslage in den beteiligten Nationen auszublenden? Fußballfunktionäre hoffen, dass spätestens mit dem Anpfiff des Eröffnungsspiels jede Diskussion um Korruption, staatliche Willkür und Menschenrechtsrechtsverletzungen vom Fußball überstrahlt wird. In den Medien, die Unsummen für die Rechte an der Übertragung des FIFA World Cup® ausgegeben haben, wird Kritik an politischen Missständen bestenfalls die zweite Geige spielen. „Wenn der Ball rollt, wird sich die Welt auf den Fußball konzentrieren. Die Politik muss uns dann nicht bekümmern“, erklärte FIFA-Präsident Gianni Infantino kürzlich auf einer Pressekonferenz.

Wider die politische Apathie

Verbände bemühen das Zerrbild von der Trennung zwischen Sport und Politik interessanterweise immer dann, wenn sie für die politischen und sozialen Begleiterscheinungen ihres Handelns keine Verantwortung übernehmen wollen. Dabei hat der Fußball nun einmal eine erhebliche gesellschaftspolitische Relevanz – im Positiven wie im Negativen. Erfolge bei großen Turnieren verhalfen jungen Demokratien wie der Bundesrepublik 1954 zu neuem Selbstbewusstsein. Die gemeinsame Ausrichtung der WM 2002 hat die historisch belasteten Beziehungen zwischen Japan und Südkorea verbessert. Umgekehrt gilt: nicht nachhaltige WM-Konzepte und gnadenlose Kommerzialisierung können auch erhebliche Probleme in Gastgeberländern verursachen. Die Weltmeisterschaften in Südafrika 2010 und Brasilien 2014 haben dem sozialen Zusammenhalt und dem Vertrauen in die politische Führung insgesamt eher geschadet. Immerhin handelte es sich noch um hinreichend demokratische Staaten mit frei gewählten Regierungen. Mit dieser Tradition, die ununterbrochen seit über 30 Jahren andauerte, bricht die FIFA nun radikal. Mit Russland 2018 und Katar 2022 erhielten nun gleich zwei Autokratien hintereinander den Zuschlag für die Ausrichtung der WM. Präsident Putin ließ 2014 russische Truppen ins Nachbarland Ukraine einmarschieren und sich 2018 mit 77% der Stimmen wiederwählen, nachdem der eine aussichtsreiche Mitbewerber, Boris Nemzow, längst ermordet und der andere, Alexei Nawalny, von der gelenkten Justiz ausgeschaltet worden war. Die FIFA zeigt sich davon unbeeindruckt und setzt auf eine politikfreie Zone, Big Mac und Spiele.

Wir möchten unseren Lesern ein aufgeklärtes und unterhaltsames Gegenangebot zur verordneten politischen Apathie machen, ohne ihnen den Spaß am Fußball nehmen zu wollen. Wir testen die Mannschaften auf Demokratiequalität, den normativen Bezugspunkt unserer Länderrankings und -analysen, um den Ausgang der WM-Spiele zu prognostizieren. Es gibt auch triftige sportliche Gründe, unsere Spielprognosen während der WM in Russland nicht in den Wind zu schlagen. Demokratien spielen einfach besseren Fußball. Spiele gewinnt man nicht alleine, sondern nur als Mannschaft. So ist es auch in der Politik. Der Zusammenhang zwischen Demokratie und gutem Fußball ist längst empirisch erwiesen. Länder mit höherer Demokratiequalität haben signifikant bessere Nationalteams. Unter den acht Weltpokalgewinnern seit 1930 befindet sich kein Land, das heute noch autokratisch regiert wird. Es kann auch kein Zufall sein, dass der erste Weltmeister Uruguay heute der einsame Spitzenreiter im Transformationsindex der Bertelsmann Stiftung ist.

Und so funktioniert die Demokratie-WM: Wir haben alle 32 Teilnehmerländer in einem Trainingslager einem rigorosen Demokratie-Test unterzogen. Auf der Basis der Indizes der Bertelsmann Stiftung – dem Transformationsindex (BTI) und den Sustainable Governance Indicators (SGI) – bewerten wir die Nationen in fünf zentralen Demokratie-Feldern. Freie und faire Wahlen sind gewissermaßen der demokratische Spielaufbau. Eine gute Fankultur zeichnet sich durch Meinungsfreiheit aus. Bürgerrechte werden von einer starken demokratischen Defensive effektiv geschützt. Soziale Inklusion ist für den Teamgeist jeder Gesellschaft zentral. Und Korruptionsbekämpfung ist das Äquivalent zum Fairplay auf dem Rasen. Quartettkarten geben Auskunft über die Stärken und Schwächen jedes Landes in diesen fünf Feldern.

Demokratie gewinnt

Um die 32 Länder vergleichen zu können, haben wir die unabhängigen Bewertungen der beiden Demokratie-Indizes BTI und SGI in ein gemeinsames fünfstufiges Punktesystem überführt, von sehr schlecht (1) bis sehr gut (5). Alle Bewertungen in den fünf Feldern freie Wahlen, Meinungsfreiheit, Bürgerrechte, soziale Inklusion und Korruptionsbekämpfung sind gedeckt durch detaillierte Experteneinschätzungen. Die wesentlichen Informationen zu jedem Teilnehmerland haben wir in Porträts auf einer Seite zusammengefasst – kurz genug, um sie beim Aufwärmen oder in der Halbzeitpause zu lesen.

Jeder WM-Tag beginnt bei uns mit einem Tipp des Tages. Das Ergebnis ergibt sich aus dem direkten Vergleich der beiden Kontrahenten entlang der fünf Demokratiefelder. Die Zahl der Tore einer Nationalmannschaft leitet sich aus der Anzahl der Demokratiefelder ab, in der sie den Gegner sticht. Stehen beide Mannschaften gleichauf ein einem Demokratiefeld, wird hierfür kein Tor vergeben. Obwohl erhebliche qualitative Demokratie-Unterschiede zwischen den Ländern bestehen, gibt es kein Land, das in allen Bereichen die volle Punktzahl erhält, und keines, das in allen Feldern leer ausgeht. Es bleibt also spannend.

Wir laden Sie ein, unsere Demokratie-Weltmeisterschaft auf unserer WM-Website und bei unserem Partner 120minuten.net zu begleiten. Den Tipp des Tages sowie aktuelle Informationen zur Demokratie in den Teilnehmerländern finden Sie auch auf Twitter unter dem Hashtag #DemokratieWM und auf unserer Facebook-Seite.



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