Neue Mauern IV: Entwicklungsländer und der Aufstieg des Protektionismus

Weltweit zeigen der zunehmende Einsatz restriktiver Handelsmaßnahmen und politischen Konflikte wie die Handelsstreitigkeiten zwischen China und den USA, dass sich die Weltordnung verstärkt in Richtung Protektionismus bewegt. Welche Rolle spielt eine restriktive Handelspolitik für Entwicklungsländer? Welche potentiellen wirtschaftlichen Folgen sind mit zunehmendem Protektionismus für sie verbunden? 

Obwohl die Globalisierung seit Jahren stetig zunimmt, zeigt die historische Entwicklung der Handelspolitik, dass im letzten Jahrhundert protektionistische Maßnahmen eher die Regel waren und Handelsliberalisierungen selten vorgenommen wurden – in Entwicklungsländern mehr noch als in entwickelten Staaten. Entwicklungsländer führten restriktive Handelsmaßnahmen ein, um dem Verfall der Rohstoffpreise entgegenzuwirken, um Devisen für Schuldenzahlungen zu sichern, und als Entwicklungsstrategie im Sinne von importsubstituierender Industrialisierung.


Der Fall der Berliner Mauer weckte die Hoffnung auf eine neue, friedliche globale Gesellschaft ohne Grenzen. Viele Entwicklungen haben diesen Traum seither befördert, von der europäischen Integration, dem digitalen Wissensaustausch bis hin zum Aufstieg von Schwellenländern in die Riege der führenden Volkswirtschaften. 30 Jahre später gibt es nicht nur mehr konventionelle Grenzbefestigungen als je zuvor, sondern auch neue Abschottungen durch digitale Zensur und Steuerung sowie protektionistische Handelspolitiken. Indem sie die freie Verbreitung von Waren, Ideen und Sehnsüchten über Ländergrenzen hinweg verhindern, tragen „neue Grenzen“ zu ungleichem Zugang zu öffentlichen Gütern, regionaler Desintegration, Desinformation und Missachtung der Menschenrechte bei. Wir sollten sie besser kennenlernen – in unserer Mini-Serie „Neue Mauern“.


Von der Globalisierung profitieren

Dennoch hat sich die Globalisierung insbesondere seit den 1980er Jahren schnell auf der ganzen Welt verbreitet. Nicht nur entwickelte Volkswirtschaften zielten auf Handelsliberalisierung als Wachstumsstrategie, sondern auch viele weniger entwickelte, die von der wirtschaftlichen Integration profitieren wollten. Entwicklungsländer in allen Regionen der Welt liberalisierten ihre Handelsregime durch die Senkung und Abschaffung von Zöllen sowie Import- und Exportquoten, die Vereinfachung von Importverfahren, und die Mitgliedschaft in internationalen Handelsinstitutionen wie der WTO. Laut internationalen Organisationen und Politikexperten ist das schnelle Wirtschaftswachstum von Schwellen- und Entwicklungsländern das Ergebnis dieser gestiegenen Beteiligung an der Weltwirtschaft.

Während dieser Zeit haben mehrere Faktoren Entwicklungsländer zu einer offeneren Außenwirtschaftspolitik bewegt. Erstens waren für viele Entwicklungsländer die 1980er und 1990er Jahre eine Periode, die von Schuldkrisen, hoher und volatiler Inflationsraten sowie von Finanz- und Zahlungsbilanzkrisen geprägt war. Diese Lage führte zu einer hohen makroökonomischen Instabilität, die eine Überprüfung und Neuausrichtung der internen und externen Wirtschaftspolitik erforderlich machte – Handelsliberalisierung war ein Bestandteil dieser Wirtschaftsreformen. Zweitens wurde dieser Handelsliberalisierungsprozess auch von ausländischen Gläubigern wie dem IWF oder der Weltbank ausgelöst, wenn nicht sogar erzwungen. Diese Institutionen, die für viele Krisenländer als Kreditgeber letzter Instanz dienten, empfahlen dringend Reformen in Richtung einer Handelsliberalisierung oder machten sie zur Vorbedingung für Strukturanpassungskredite.

Darüber hinaus spielten die damalige wirtschaftspolitische Grundströmung und die Wirtschaftsleistung von Industrieländern auch bei den Wirtschaftsreformen von weniger entwickelten Ländern eine wichtige Rolle. Einerseits entwickelte sich dieser Liberalisierungsprozess parallel zu einem ideologischen Wandel hin zum Marktliberalismus, der aktiven staatlichen Eingriffen widersprach. Andererseits zeigte die Wirtschaftsleistung der Industrieländer, dass Handelsliberalisierung für eine Wirtschaft von Vorteil sein könnte, nicht nur im Hinblick auf eine Produktivitätssteigerung, sondern auch beim Zugang zu mehr Ressourcen und Technologien.

Dieser Liberalisierungsprozess hat sich bis heute fortgesetzt. Entwicklungs- und Schwellenländer haben sich nicht nur allmählich für Außenhandel geöffnet, wie die Ergebnisse des Bertelsmann-Transformationsindex (BTI) für die Liberalisierung des Außenhandels zeigen. Sie haben sich auch aktiv um bilaterale und regionale Zusammenarbeit durch Verträge und Handelsabkommen untereinander (z.B. Mercosur und ASEAN) oder mit entwickelten Volkswirtschaften (z.B. Mercosur-EU) bemüht.

Von der absoluten zur relativen Gewinnorientierung

Im letzten Jahrzehnt haben die Regierungen mehrerer entwickelter Staaten trotz ihrer rhetorischen Unterstützung des Welthandelsregimes und ihres Ziels einer weiteren Handelsliberalisierung tatsächlich einen neuen Anstieg des Protektionismus befördert. Die Gründe sind vielfältig, aber zwei stechen hervor: sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene haben die Sorgen um die relativen statt der absoluten Gewinne aus dem Handel zugenommen. Mit anderen Worten: Die Verteilung des globalen wirtschaftlichen und politischen Kuchens ist wichtiger geworden als seine Größe.

Auf nationaler Ebene stagniert das Einkommen der Mittelschicht im Vergleich zum Einkommen der Spitzenverdiener, was die Skepsis gegenüber den Vorteilen der Globalisierung bei großen Teilen der Bevölkerung steigert. In vielen entwickelten Ländern bedeutet dies eine wachsende Unterstützung von protektionistischen politischen Gruppierungen, die diese Überzeugungen stärken oder sogar neue Maßnahmen einführen, die wiederum von anderen Staaten Gegenmaßnahmen provozieren.

Auf internationaler Ebene ist die Globalisierung zum Opfer des eigenen Erfolgs geworden. Die Integration wichtiger Schwellenländer in die Weltwirtschaft hat zu ihrem wirtschaftlichen und politischen Aufstieg geführt. Die westlichen Staaten sind jedoch empfindlicher dafür geworden, wie Schwellenländer das multilaterale Handelssystem nutzen, um zu starken Konkurrenten zu werden. Sie stellen mittlerweile sogar in Frage, ob die liberale Weltordnung ihren ursprünglichen Gründern und traditionellen Unterstützern noch Vorteile bringt.

Wenn Elefanten kämpfen, leidet das Gras

Die beiden oben genannten Tendenzen sind vor allem in den USA zu beobachten. Skepsis gegenüber der Globalisierung und die Bemühungen, den Aufstieg Chinas einzudämmen, haben unter Donald Trump einen neuen Höhepunkt erreicht. Sein deutlichstes Symptom ist der Handelskrieg mit China, der kurzfristig zu schweren wirtschaftlichen Schaden geführt hat und mittelfristig noch mehr Schaden für die Weltwirtschaft verursachen wird.

Der zunehmende Protektionismus trifft die weniger entwickelten Volkswirtschaften über zahlreiche Wirkungskanäle. Zwei spielen dabei eine zentrale Rolle:

  1. Durch die gegenseitige Einführung diverser Strafzölle auf Importe aus dem jeweils anderen Land schwächen die USA und China ihre wirtschaftliche Entwicklung. Wenn die beiden größten Volkswirtschaften der Welt Wachstumseinbußen erleiden, importieren beide Länder weniger – auch aus den Entwicklungs- und Schwellenländern.
  2. Das schwächere Wirtschaftswachstum der USA und Chinas dämpft die globale Wirtschaftsentwicklung und den Welthandel. Damit sinkt die weltweite Nachfrage nach Rohstoffen. Für Länder, deren Wirtschaft von Rohstoffexporten abhängt, ist das ein doppelter Nachteil: Sie können nur noch eine geringere Menge absetzen, für die sie einen geringeren Preis erhalten.

Darüber hinaus können die Lebensbedingungen in Entwicklungs- und Schwellenländern erheblich beeinträchtigt werden. Zwei Aspekte sind von besonderer Bedeutung:

  1. Geringere Exporte bedeuten ein geringeres Beschäftigungsniveau. Ein Anstieg der Arbeitslosigkeit ist für die Betroffenen häufig ein härterer Einschnitt als in den Industrieländern. Letztere verfügen über mehr oder weniger stabile Netze der sozialen Sicherung, die die Einkommenseinbußen eines Arbeitsplatzverlustes abmildern, erstere nicht.
  2. Wenn die Rohstoffpreise im Zuge des durch den Protektionismus verringerten Welthandels sinken, verschlechtert das die so genannten »Terms of Trade« der Entwicklungs- und Schwellenländer, die hauptsächlich Rohstoffexporteure sind. Die Terms of Trade eines Landes geben an, wie viele Gütereinheiten eines Importgutes das Inland für eine Einheit seines Exportgutes erhält. Eine durch Protektionismus bedingte Verschlechterung der Terms of Trade bedeutet, dass die inländische Bevölkerung eine geringere Menge an Gütern und Dienstleistungen konsumieren kann. Für Menschen, die in absoluter Armut leben, kann das eine existenzielle Bedrohung bedeuten.

 Ausblick

Die steigenden protektionistischen Tendenzen stellen eine große Herausforderung für Entwicklungsländer dar. Wie Länder sich dieser Herausforderung stellen werden, geht jedoch weit über die oben genannten Zusammenhänge hinaus. Entwicklungsländer sind als Gruppe sehr heterogen, was ihren Vergleich und vor allem die Empfehlung von Gegenmaßnahmen für die gesamte Gruppe erschwert. Während große Volkswirtschaften wie Indien oder Brasilien einige negative Auswirkungen allein ausgleichen könnten, müssten kleinere Länder wie Ecuador oder Botswana möglicherweise multilaterale Lösungen finden. Doch obwohl es noch zu früh ist, um die tatsächlichen und spezifischen. Auswirkungen des zunehmenden Protektionismus abzuschätzen, ist es unbestreitbar, dass die potenziellen Verluste für Entwicklungsländer erheblich sein könnten.

Daniela Arregui Coka, Thieß Petersen und Thomas Rausch sind im Projekt Global Economic Dynamics der Bertelsmann Stiftung tätig. Sie veröffentlichen regelmäßig Analysen und Kommentare zu aktuellen internationalen Wirtschaftstrends auf: www.ged-project.de.



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