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A Coronavirus test drive-trhough in Busan. Photo by Busan Metropolitan City via commons.wikimedia.org. KOGL Type 1

Südkoreas Umgang mit dem Coronavirus: Die Kosten des Erfolgs

Im Gegensatz zu westlichen Ländern hat Südkorea die Ausbreitung des Virus ohne landesweite Ausgangssperren erfolgreich eingedämmt. Wie wird es nun mit den sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Pandemie umgehen?

Während einige westliche Länder gerade vorsichtig beginnen, ihre Ausgangssperren zu lockern, konnte Südkorea die Corona-Krise bislang ohne solche massiven Einschränkungen erfolgreich meistern. Am Stadtbild hat sich in Südkorea kaum etwas verändert, die Unternehmen arbeiten weiter, auch die Geschäfte, Restaurants und Bars sind geöffnet. Nur Schulen und Kindergärten sind geschlossen und Massenveranstaltungen wurden abgesagt. Am 15. April fanden sogar Wahlen zum nationalen Parlament statt und erreichten die größte Wahlbeteiligung seit 28 Jahren. Der haushohen Sieg der Partei von Präsident Moon Jae-in bei der Abstimmung geht vor allem auf das Konto des erfolgreichen Krisenmanagements seiner Regierung. Wie konnte Südkorea diesen beachtlichen Erfolg erzielen und vor welchen Herausforderungen steht die Regierung nun, nachdem sie scheinbar gestärkt aus den Wahlen hervorgegangen ist? Zum Teil hatte Südkorea einfach Glück in der Krise, doch noch viel entscheidender war, dass es durch vorangegangene Krisen institutionell und mental gut vorbereitet war.

Aufgrund der sehr engen wirtschaftlichen Beziehungen zu China und der großen Zahl chinesischer Touristen war Südkorea zwar eines der ersten Länder, die von der Pandemie heimgesucht wurden, gleichzeitig hat es jedoch aufgrund seiner Lage einige wichtige Vorteile: Die Nation gleicht mit seiner geschlossenen Grenze im Norden praktisch einer Insel, wodurch Ein- und Ausreisende leicht zu kontrollieren sind. Darüber hinaus ist das südkoreanische Gesundheitssystem gut entwickelt, wie der am 29. April erschienene Bertelsmann Transformation Index (BTI) 2020 bestätigt: „Die allgemeine Krankenversicherung ist das fortschrittlichste Element des Sozialstaats.“ Das hatte zur Folge, dass diejenigen, die sich krank fühlten, nicht zögerten, sich behandeln zu lassen. So wurde die Ausbreitung des Virus eingeschränkt und die Zahl unentdeckter Infektionen gemindert.

Gewappnet durch den MERS-Ausbruch

Ein MERS-Ausbruch im Jahr 2015 veranlasste Südkorea, sein Gefahrenabwehrsystem zu verbessern. Maßnahmen, die bereits vor der Corona-Krise ergriffen wurden, waren, jeden Einreisenden über Infektionskrankheiten zu informieren und mit Kameras an den Flughäfen regelmäßig die Temperatur von ankommenden Passagieren zu überprüfen. Darüber hinaus war die MERS-Panik den Südkoreanern noch frisch in Erinnerung und die meisten legten sofort Masken an, als die Bedrohung auftauchte. Entgegen der verbreiteten Ansicht in westlichen Ländern wurde das Tragen von Masken nie von der Regierung angeordnet, sondern ergab sich durch die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für das Thema und die Fähigkeit der Regierung, die Nation zu mobilisieren. Geholfen hat außerdem, dass Südkorea über eine heimische Maskenproduktion verfügt, die hauptsächlich wegen der starken Luftverschmutzung im Winter und Frühling täglich mehr als 10 Millionen Masken produziert.

Als das Land dieses Mal von der Krise getroffen wurde, reagierte die Regierung schnell und baute die Testkapazitäten aus, erfand Corona-Drive-In-Teststationen und verfolgte erfolgreich Infektionswege. Südkorea hatte das Glück, dass sich die ersten Infektionen auf einige leicht identifizierbare Ausbruchsherde wie die Shincheonj-Kirche konzentrierten, die schnell isoliert werden konnten. Reisebeschränkungen für die chinesische Provinz Hubei wurden ebenfalls frühzeitig erlassen und die meisten anderen Reisenden mussten 14 Tage Quarantäne einhalten und eine Selbstüberwachungs-App auf ihre Mobiltelefone herunterladen. Später spielte die Bewegungsverfolgung von positiv getesteten Personen eine wichtige Rolle.

In Südkorea gab es nur wenig Datenschutzbedenken bei der Mobilitätsverfolgung von Personen. Jeder kann im Internet oder in Apps die Bewegungen aller bekannten Corona-Patienten nachvollziehen. Namen wurden nicht gepostet, aber fast alle anderen Informationen waren öffentlich. Über Apps und in Textnachrichten wurden Warnmeldungen an diejenigen gesendet, die mit Betroffenen in Kontakt gekommen sein könnten. In vielerlei Hinsicht ist die Mobilitäts- und Kontaktverfolgung weitaus weniger einschneidend als die in westlichen Ländern implementierten landesweiten Ausgangssperren. Andererseits werden Ausgangssperren irgendwann wieder aufgehoben, die Datenerfassung dagegen wird höchstwahrscheinlich fortgesetzt.

Schutz der Privatsphäre?

Was bislang unübersehbar fehlt, sind Debatten über den Schutz personenbezogener Daten und wie der Missbrauch von Informationen verhindert werden kann. Das ist insbesondere deshalb besorgniserregend, weil Institutionen, die die Rechte von Individuen vor dem Staat schützen, noch unterentwickelt sind. Formal befindet sich der Süden immer noch im Krieg mit dem Norden und ein Nationales Sicherheitsgesetz schränkt die Meinungs- und Vereinigungsfreiheit ein. In solch einem inhärent repressiven Umfeld besteht immer die Gefahr, dass Einschränkungen individueller Freiheiten von einer übermächtigen Exekutive missbraucht werden. Zwar war Südkorea institutionell und mental gut auf die Krise vorbereitet, doch es steht zu befürchten, dass das weitaus weniger für die Zeit nach Corona gilt.

Aufgrund seiner Exportabhängigkeit wird Südkorea eines der am stärksten von der Krise betroffenen Länder sein. Ironischerweise könnte der Erfolg Südkoreas bei der Infektionseindämmung dazu führen, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen länger bestehen bleiben, da es länger dauern wird, bis ein Großteil der Bevölkerung Immunität entwickelt. Für den unterentwickelten Sozialstaat mit einem hohen Anteil prekärer Beschäftigung bedeutet das, dass die unvermeidliche Wirtschaftskrise bald massive soziale Auswirkungen haben wird.

Von den Wahlen zu einem Korea nach Corona

Der Wahlsieg seiner Partei versetzt Präsident Moon in die Lage, sich wieder seinem ursprünglichen Versprechen eines sozialeren, demokratischeren und umweltfreundlicheren Südkoreas zuzuwenden. Insbesondere seine Pläne, die Binnennachfrage durch Sozialpolitik, Lohnerhöhungen und mehr Arbeitnehmerrechte zu stärken, erscheinen in einer Zeit, in der die Exporte höchstwahrscheinlich zusammenbrechen werden, angemessen. Gleichzeitig warnt der BTI-Länderbericht 2020 vor den Gefahren einer „imperialen Präsidentschaft“, da die Befugnisse des Präsidenten in Südkorea weitreichend sind. Anders als beim „Krieg gegen das Virus“ kann das Korea nach Corona nicht einfach durch technokratische Interventionen und nationale Mobilisierungskampagnen geschaffen werden, denn die erforderlichen Änderungen bewirken eine Umverteilung und werden deshalb zu massivem Widerstand von Interessengruppen führen.

Krisenzeiten waren schon immer Zeiten der Exekutive. Nach Corona braucht Südkorea jedoch eine breite öffentliche Debatte mit einer Vielzahl von Meinungen zu den verschiedenen politischen Optionen. Was eine Gesellschaft letztendlich prägt, sind nicht die Kriege, die sie gewinnt, sondern die Art und Weise, in der Entscheidungen für eine bessere Zukunft getroffen werden.

Übersetzt aus dem Englischen von Karola Klatt.

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