Mauritius: Reif für ein zweites Wirtschaftswunder?

Am 12. März 2018 feiert Mauritius 50 Jahre Unabhängigkeit. Der wirtschaftliche Fortschritt des Landes treibt die Regierung weiter an: In wenigen Jahren will sie den abgelegenen Inselstaat zu einem Land mit hohem Pro-Kopf-Einkommen transformiert haben. Warum ist Mauritius so erfolgreich?

James Mead, der mit dem Nobelpreis ausgezeichneten britischen Wirtschaftswissenschaftler, hielt Mauritius 1961 für einen hoffnungslosen Fall. Und dem ebenfalls mit dem Nobelpreis ausgezeichneten indisch-trinidadischen Schriftsteller V. S. Naipaul kam der Inselstaat im Indischen Ozean noch elf Jahre später vor wie eine „überfüllte Sklavenbaracke“. Doch entgegen dieser und anderer Kritik hat sich Mauritius seither zu einer afrikanischen Nation entwickelt, die sozial, wirtschaftlich und politisch hoch gelobt wird. Das Land, das seinem 50. Unabhängigkeitstag entgegenblickt, versucht seine Lage rund 2.000 Kilometer vor der südöstlichen Küste Afrikas für eine Neupositionierung zu nutzen und den schnell wachsenden Volkswirtschaften in Afrika und Asien als Brücke zu dienen.

Mit einem Bruttoinlandsprodukt von über 12 Milliarden US-Dollar hat Mauritius, früher eine einkommensschwache Monokultur-Agrarwirtschaft, den Status eines Landes mit „oberen mittleren“ Einkommen erreicht. So mag es wenig verwundern, dass die Koalitionsregierung unter der Führung des 56-jährigen Pravind Jugnauth darauf drängt, Mauritius schon in den nächsten Jahren zu einem Hochlohnland zu machen. Entscheidend dafür ist, dass die Inselnation mit ihren 1,3 Millionen Einwohnern Wege findet, mit der übrigen Welt zusammenzuarbeiten.

Kultureller Schmelztiegel

Französische Siedler ließen sich von 1715 an auf Mauritius nieder, nachdem die Insel von arabischen Seefahrern entdeckt und von holländischen Kolonisatoren wieder aufgegeben worden war. 1810 rissen die Briten die Kontrolle über die Insel wegen ihrer strategischen Bedeutung für die Kolonialisierung von und Herrschaft über Indien an sich. Auch wenn Englisch seither die offizielle Amtssprache ist, blieb der französische kulturelle Einfluss, gefördert durch die Nähe zum französischen Übersee-Département La Réunion und die Mitgliedschaft in der Internationalen Organisation der Frankophonie, beträchtlich. Die Popularität und Reichweite französischsprachiger unabhängiger Radiosender, Zeitungen und sozialen Netzwerke zeugt davon.

Der französische Einfluss ist jedoch nicht nur in der Kultur zu spüren. Einige wenige französisch-mauritische Familien, Nachfahren von Siedlern, die durch das Land, das sie für den Zuckeranbau erhalten hatten, und die Ausbeutung von Sklaven zu Wohlstand gekommen waren, dominieren noch immer die Wirtschaft in Bereichen wie Textilindustrie, Informationstechnologie, Offshore-Finanzen, Immobilien und Luxustourismus an den Küsten. Im Zuge des Wirtschaftswachstums gesellten sich zu den „les grand blancs“, wie die französisch-mauritische Elite genannt wird, auch einige wenige andere erfolgreiche Familienunternehmen aus anderen ethnischen Gruppen, vor allem Hindus, Muslime und Chinesen.

Vorzeigeland für Subsahara-Afrika

Die große Rezession, die Ende 2007 begann, traf Mauritius aufgrund seiner engen Handelsbeziehungen mit Europa hart. Besonders der Tourismus, eine der wichtigsten Devisenquellen, verzeichnete starke Einbußen, obwohl intensiv und auch mit einigem Erfolg versucht wurde, neue Gäste aus den aufstrebenden Supermächten China und Indien anzulocken. Insgesamt lag das durchschnittliche Wirtschaftswachstum während der letzten fünf Jahre bei 3 bis 4 Prozent. Nach einer Prognose der Bank of Mauritius werden im nächsten Jahr sogar 4,2 Prozent Wachstum erreicht. Große Hoffnungen setzt Jugnauths Regierung auf ausländische Direktinvestitionen in die Meereswirtschaft ­– Fischerei, Exploration von Kohlenwasserstoffen und Mineralien, Meeresbiotechnologie und erneuerbare Energien. Dadurch soll nicht nur das zukünftige Wirtschaftswachstum angekurbelt, sondern auch unmittelbare Einbußen ausgeglichen werden, die durch das Auslaufen eines Doppelbesteuerungsabkommens mit Indien zu erwarten sind.

Das überschwängliche Lob, das Mauritius von einflussreichen internationalen Organisationen aufgrund seiner stabilen Demokratie und offenen, anpassungsfähigen Wirtschaft zuteil wird, hilft natürlich dabei, ausländische Direktinvestitionen einzuwerben. Auch der Regionalbericht für das südliche und östliche Afrika des Transformationsindex der Bertelsmann Stiftung (BTI) stellt heraus: „Mauritius bleibt das einzige Land in Subsahara-Afrika, das im Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen in der Kategorie ‚hoher Stand menschlicher Entwicklung’ geführt wird.“ Und der neue BTI 2018 Länderbericht Mauritius, der demnächst erscheinen wird, resümiert: „Mauritius hat sich als stabile und entwicklungsfähige Demokratie erwiesen und verfügt über eine prosperierende Marktwirtschaft. Nichts deutet darauf hin, dass sich daran in nächster Zeit etwas ändern wird. Schon in der Vergangenheit haben die Regierungen von Mauritius gezeigt, dass sie auf geopolitische und geoökonomische Veränderungen Antworten finden.“

Damit hat die Insel auch berühmte Besucher beeindruckt, darunter den US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Joseph E. Stiglitz.  Der Nobelpreisträger von der Columbia University fand vor einigen Jahren, dass  die USA und andere sogenannte hochentwickelte Volkswirtschaften vom „Wunder von Mauritius“ lernen könnten, welche wichtige Rolle kostenlose Bildung und medizinische Versorgung sowie starke Sozialsysteme bei der Förderung und Aufrechterhaltung des sozialen Zusammenhalts spielen.

Mauritius’ politische Dynastie

Mauritier französischer oder chinesischer Abstammung streben im Allgemeinen keine politischen Ämter an. Das Feld überlassen sie lieber zielstrebigen Indomauritiern und Kreolen afrikanischer Abstammung, wobei das politische System vor allem von männlichen Hindus aus der Mittelklasse dominiert wird. Hindus machen etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung aus. Gegenwärtig regiert die Alliance Lepep (Volksallianz), ein Parteienbündnis unter der Führung der Mouvement Socialiste Militant (MSM), mit einer deutlichen Mehrheit und wird aller Voraussicht nach ihre fünfjährige Amtszeit, die Ende 2019 oder spätestens Anfang 2020 ausläuft, vollständig ableisten. Im Januar 2017 übertrug der 87-jährige Anerood Jugnauth ohne ein Mandat der Wählerschaft seinem einzigen Sohn Pravind die Amtsgeschäfte des Premierministers. Dafür wurde er von den Oppositionsparteien so heftig kritisiert, dass die MSM kürzlich bei Nachwahlen im wichtigen Wahlkreis Belle Rose and Quatre Bornes gar nicht erst antrat. Einerseits wollte man dadurch verhindern, dass die Unzufriedenheit mit der Regierung aufgrund angeblicher Vetternwirtschaft und Korruption offen zutage tritt. Andererseits glaubte man, die Oppositionsparteien würden sich gegenseitig nachhaltig Schaden zufügen – eine Erwartung, die sich nur zum Teil erfüllte.

Es gibt jedoch ein Thema, das alle mauritischen Politiker über alle politischen Differenzen und Machenschaften hinweg eint: Der Kampf gegen die Ansprüche des Vereinigten Königreichs auf den Chagos-Archipel. Seit 1814 ist diese Inselgruppe integraler Bestandteil des mauritischen Territoriums. 1965 lösten die Briten den Archipel aus dem mauritischen Gebiet heraus und machten ihn zu einer neuen Kolonie im Rahmen des Britischen Territoriums im Indischen Ozean. Die größte und südlichste Insel, Diego Garcia, verpachteten sie an die USA, die sie seither als strategisch günstigen militärischen Stützpunkt nutzen. Im Zuge dieser Entwicklung wurden rund 1.500 Inselbewohner zwangsweise von den britischen Behörden umgesiedelt. Die meisten davon strandeten in Port Louis, der Hauptstadt von Mauritius.

Ohne den Betrieb der Militärbasis infrage zu stellen, ging die mauritische Politik in den vergangenen Jahren gegen die Vereinnahmung der Inselgruppe in das Britische Territorium im Indischen Ozean sowie gegen die unmenschliche Behandlung, die den vertriebenen Inselbewohnern widerfahren ist, vor. Im Juni 2017 nahmen die Vereinten Nationen mit 94 zu 15 Stimmen einen Resolutionsentwurf von Mauritius an, der vorsieht, ein Gutachten des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag über die Souveränität des Chagos-Archipels und die Folgen der Vertreibung einzuholen. Unterstützt wurde Mauritius von Indien, Nigeria und Südafrika. Interessanterweise enthielten sich, trotz des beachtlichen angelsächsischen und amerikanischen Drucks, die meisten europäischen Länder, darunter Frankreich, Deutschland und Italien, sowie China. Noch in diesem Jahr, spätestens aber 2019, wird die Stellungnahme des Internationalen Gerichtshofs in diesem Fall erwartet.

Mit dem Disput über den Chagos-Archipel wie auch durch wirtschaftlichen Erfolg und Anpassungsfähigkeit zeigt Mauritius, dass es seine koloniale Vergangenheit seit der Erlangung der Unabhängigkeit weit hinter sich gelassen hat. Einen Schatten auf die positive Bilanz wirft jedoch das zweifelhafte Arrangement der Machtübergabe vom Vater auf den Sohn im Januar 2017. Eine Neuordnung der politischen Führung ist auch angesichts der Verwicklung der politischen Elite in Korruptionsskandale erforderlich. In diesem Sinne heißt es auch im demnächst erscheinenden BTI 2018 Länderbericht Mauritius: „Ein Generationswechsel in der Politik mit neuen Politikern, die keine Verbindung mit der regierenden Elite haben, würde die Wahrnehmung des Landes als postkoloniale Erfolgsgeschichte, die auch weiterhin Bestand haben wird, noch befördern.“

Sean Carey ist Honorary Senior Research Fellow an der School of Social Sciences der Universität Manchester und Stipendiat der Young Foundation. Über Mauritius berichtet er für The Guardian, The Independent, New African und African Business.

Aus dem Englischen übersetzt von Karola Klatt.



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