Digitalisierung: Fluch oder Segen für Entwicklungsländer?

Digitale Technologien werden immer wichtiger für den wirtschaftlichen Wohlstand und die internationale Wettbewerbsfähigkeit einzelner Volkswirtschaften. Für Entwicklungsländer stellen sie auf der einen Seite eine mögliche Quelle dar, mit der sie materiellen Wohlstand steigern und Armut bekämpfen können. Andererseits besteht die Gefahr, dass einzelne dieser Länder technologisch abgehängt werden und international nicht mehr wettbewerbsfähig sind.

Die voranschreitende Digitalisierung kann die Versorgung der Menschen mit Gütern und Dienstleistungen auf verschiedenen Wegen verbessern:

  • Durch die Optimierung von Produktions- und Geschäftsprozessen steigt die Produktivität. Als Resultat können die Verbraucher eine größere Menge von Gütern und Dienstleistungen zu geringeren Preisen erwerben.
  • Sinken die Preise, erhöht sich die Kaufkraft eines gegebenen Einkommens – und die Konsummöglichkeiten der Verbraucher nehmen zu.
  • Schließlich erlauben Big-Data-Analysen eine bessere Anpassung von Produkten an individuelle Kundenwünsche.

Für die Menschen bedeutet all dies eine Steigerung ihres materiellen Wohlstands.

Digitalisierung als entscheidender Wettbewerbsfaktor

Für diesen positiven Wohlstandseffekt ist ausschlaggebend, dass die betreffende Volkswirtschaft international wettbewerbsfähig ist – und dies auch bleibt. Nur dann gibt es in dem Land Jobs, mit denen die Menschen das Geld verdienen können, das sie für den Kauf von Gütern und Dienstleistungen benötigen.

Doch wie lässt sich die internationale Wettbewerbsfähigkeit sichern? Dazu ist es notwendig, dass eine Volkswirtschaft seine digitale Infrastruktur ausbaut. Dies erfordert vor allem private Investitionen der Unternehmen, die ihre Produktionsanlagen an die digitalen Technologien anpassen müssen. Zudem sind betriebliche Weiterbildungsangebote sowie organisatorische Umstrukturierungen sehr wichtig. Aber auch der Staat muss investieren – materiell in leistungsfähige Informations- und Kommunikationsnetze sowie eine sichere Elektrizitätsversorgung und immateriell in die digitalen Kompetenzen der Bürger (Bildungsausgaben).

Genau hier haben zahlreiche Entwicklungsländer, insbesondere in Afrika, noch große Priorisierungs- und Investitionslücken. Entsprechend erreichen 40 der 50 im Transformationsindex BTI untersuchten afrikanischen Ländern im Indikator „Bildungs- und Forschungspolitik“ lediglich Punktwerte von 4 oder weniger auf einer Skala von 1 bis 10. Nur Botswana, Mauritius, Ruanda und Tunesien weisen solide Bildungssysteme auf. Während von diesen Top 4 die ruandische Regierung immerhin einen Nationalen Forschungs- und Innovationsfonds gegründet hat, trifft auf nahezu alle afrikanischen Staaten und die meisten Entwicklungsländer eher eine Situation wie in Tunesien zu, die das Ländergutachten des BTI 2020 so umschreibt: „Tunesien investierte 0,6% des BIP in Forschung und Entwicklung, was wahrscheinlich eine zu bescheidene Investition für die langfristige wirtschaftliche Entwicklung des Landes ist und eine Folge der hohen Konsumausgaben der Regierung (z.B. Löhne und Subventionen des öffentlichen Sektors), die nur wenige Mittel für Investitionen übrig lässt.“

Digitalisierung setzt Entwicklungsländer unter Druck

Für Schwellen- und Entwicklungsländer ist die weltweit voranschreitende Digitalisierung ein zweischneidiges Schwert. Einerseits bietet sie technologische Produktivitätsfortschritte, die die Versorgungslage der Menschen verbessern und die Armut verringern können. Auf der anderen Seite verlieren diese Länder aber auch einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil: ihre geringen Arbeitskosten. Wegen dieser haben Hochlohnländer wie Deutschland lange Zeit Produktionsprozesse in Niedriglohnländer verlagert. Wenn für die Herstellung von Gütern jedoch immer mehr Kapital und Technologien eingesetzt werden, geht die Bedeutung niedriger Löhne zurück. Für Unternehmen in Hochlohnländern kann es dann attraktiv werden, die Produktionsstandorte zurück ins eigene Land zu holen. Boeing, Bosch, General Electric und Philips haben das bereits getan. Für die Schwellen- und Entwicklungsländer bedeutet dies allerdings den Verlust vieler Arbeitsplätze.

Digitalisierung erlaubt technologische Sprünge

Gleichzeitig bietet die Digitalisierung den Entwicklungsländern aber auch die Möglichkeit, erhebliche technologische Sprünge zu realisieren. Ökonomen nennen dieses Phänomen „Leapfrogging“. Dies bedeutet, dass wenig entwickelte Volkswirtschaften eine technologische Entwicklungsstufe überspringen und damit schneller zu den hoch entwickelten Volkswirtschaften aufschließen können. Ein gutes Beispiel dafür sind Entwicklungsländer, die für ihre Kommunikation ein Mobilfunknetz aufbauen, ohne dass sie vorher ein leitungsgebundenes Telefonnetz für Festnetzanschlüsse verfügten. Allerdings kann dieser technologische Sprung nur erfolgen, wenn die dafür erforderliche Infrastruktur vorhanden ist. Dazu gehört neben einem leistungsstarken Mobilfunknetz auch eine sichere Elektrizitätsversorgung (https://www.bundestag.de/resource/blob/525938/488ea79620fb0b4c452b42519f2afb37/wd-2-051-17-pdf-data.pdf, S. 5).

Gelingt der Aufbau der notwendigen Infrastruktur, verbessert sich die internationale Wettbewerbsfähigkeit bis dahin wenig entwickelter Schwellen- und Entwicklungsländer deutlich – und erleichtert gleichzeitig deren Einbindung in die Weltwirtschaft. Der Effekt: Sie können auch an den wirtschaftlichen Vorteilen der internationalen Arbeitsteilung und den damit verbundenen Einkommenszuwächsen teilhaben. Auf diese Weise ließe sich der wirtschaftliche Aufholprozess der Schwellen- und Entwicklungsländer beschleunigen.

Finanzierungsmöglichkeiten für Digitalisierung sind entscheidend

 Mit Blick auf die Finanzierungsmöglichkeiten der Staaten und der Unternehmen ist davon auszugehen, dass es reichen Volkswirtschaften tendenziell leichter als wenig entwickelten Ländern fallen wird, die digitale Transformation durch entsprechende Investitionen voranzutreiben.

Schwellenländer mit einem relativ starken Wirtschaftswachstum und einer geringen Verschuldung von Staat und Unternehmen sind ebenfalls eher in der Lage, die für die digitale Transformation erforderlichen Investitionen zu tätigen. Schwellenländer, die in den kommenden zehn Jahren mit überdurchschnittlich hohen Investitionen im Bereich der digitalen Technologien rechnen können, sind u. a. Südkorea, Indonesien, Taiwan und Thailand (http://media-publications.bcg.com/BCG-Inside-OPS-Jul-2016.pdf, S. 19).

Schlecht stellt sich die Situation in Entwicklungsländern mit einem geringen realen Wohlstandsniveau und einer hohen Auslandsverschuldung dar. Das geringe Einkommensniveau hat zur Folge, dass die Bürger kaum Ersparnisse bilden können. In Kombination mit schlechten wirtschaftlichen Aussichten versperrt dies den Weg zu den internationalen Kapitalmärkten und macht eine Finanzierung der digitalen Infrastruktur nahezu unmöglich. Hiervon betroffen sind vor allem zahlreiche afrikanische Länder.

Industrienationen in der Pflicht

Ohne eine Unterstützung beim Aufbau der digitalen Infrastruktur durch die entwickelten Industrieländer drohen die schwächsten Entwicklungsländer den Anschluss an die Weltwirtschaft weiter zu verlieren. Dies würde vor allem die Länder betreffen, die im Wirtschaftsindex des BTI hintere Plätze belegen, also viele afrikanische Staaten. In den wirtschaftlich abgehängten Ländern wäre mit einer Zunahme gesellschaftlicher Konflikte und politischer Polarisierung zu rechnen – wodurch wiederum zwangsläufig der Migrationsdruck zunehmen würde. Dies sind Entwicklungen, die auch die wirtschaftliche und gesellschaftliche Stabilität in den entwickelten Industrienationen beeinträchtigen könnten. Es liegt daher im wohlverstandenen Eigeninteresse der entwickelten Volkswirtschaften, dass den Entwicklungs- und Schwellenländern die digitale Transformation gelingt.



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